Berichte über Auslandsaufenthalte

Falls Du interessiert bist an einem Studienaufenthalt im Ausland, findest Du hier ein paar Erfahrungsberichte, um Dir die Auswahl zu erleichtern.

Stellenbosch, Südafrika

V. Hoff, Studienaufenthalt/Masterprogramm
Stellenbosch, Südafrika (Januar bis Dezember 2004)
organisiert durch HU Berlin (Partneruniversität)
 
Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Jahr/Semester im Ausland zu verbringen?
Für einen Aufenthalt im Ausland gab es bei mir sehr viele, verschiedene Gründe. Ich wollte gerne in einem außereuropäischen Land studieren, um einmal unter ganz anderen Bedingungen zu leben, zu lernen und so eine völlig andere Kultur kennen zu lernen. Die Theologische Fakultät in Berlin hat einige Austauschprogramme, darunter auch einen Vertrag mit der Universität in Stellenbosch in Südafrika. Das hat mich ermutigt, mich für ein Auslandsjahr zu entscheiden.
An Südafrika hat mich besonders interessiert, wie sich das Land nach dem unmenschlichen Apartheidssystem wieder aufbaut und wie die Menschen mit ihrer Vergangenheit umgehen.
Speziell für Stellenbosch habe ich mich vor allem entschieden, weil man an dieser Fakultät sehr gut reformierte Theologie studieren kann. Zwei große Reformierte Kirchen, die Dutch Reformed Church und die Uniting Reformed Church haben dort u. a. ihren Ausbildungsort. Außerdem wird ein inhaltlicher Schwerpunkt im Gebiet Ökumene gelegt. Das hat mich angesprochen. Aus Erfahrungen von anderen wusste ich, dass es sich in Stellenbosch sehr gut leben und studieren lässt und dass man sich damit eine wunderschöne Gegend aus Studienort aussucht. All hat sich bewahrheitet!
 
Wie hast Du die Menschen dort erlebt?
Die Menschen sind überaus freundlich und hilfsbereit. An der Theologischen Fakultät herrscht ein sehr angenehmes Klima, die Professoren kennen die Studenten sehr gut und der Kontakt ist viel persönlicher als das z. B. in Deutschland möglich wäre. Sie sind sehr bemüht, fragen oft danach, wie es einem geht, ob man gut zurecht kommt usw. Dadurch habe ich mich in Südafrika und an der Fakultät sehr schnell wohl und heimisch gefühlt. Als sehr positiv habe ich auch erlebt, dass meine Kommilitonen sehr offen waren und interessiert z. B. nach deutschen Verhältnissen und meiner persönlichen – oft ganz anderen – Sicht gefragt haben. Kritisch möchte ich beurteilen, dass das Denken in Rassenkategorien bei vielen Südafrikanern noch längst nicht bewältigt ist. So manche Äußerung über geschehene Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in Südafrika ist für Europäische Ohren doch sehr ungewohnt. Ich musste erst lernen, mich darauf einzulassen und zu verstehen versuchen. Dialogbereitschaft ist aber auf jeden Fall da.
 
Von welchen positiven wie negativen Erfahrungen in Deinem Studium (bzw. bei Deiner Arbeit) im Ausland kannst Du erzählen?
Das Studiensystem in Südafrika ist in vielen Punkten nicht zu vergleichen mit dem deutschen. Das akademische Niveau erreicht m. E. nicht den gleichen Standard. Assignments und Hausarbeiten gehen oft nicht so in die Tiefe wie man es vielleicht gewohnt ist.
Das System in Südafrika ist verschulter und es werden andere Schwerpunkte gelegt. Das Theologiestudium ist sehr praktisch-theologisch ausgerichtet, das Masterprogramm dient speziell zur Vorbereitung auf das Pfarramt und hat besonders die Probleme des Landes und der Kirchen vor Augen, z. B. Armut, AIDS, Ungerechtigkeit, Unversöhntheit der verschiedenen Gruppen, Kriminalität usw. Dementsprechend lernt man ganz andere Dinge als in Deutschland. Gerade deshalb fand ich es sehr “erfrischend“, einmal ein Jahr lang zu erleben, dass ein Theologiestudium auch anders aussehen kann.
Die praktischen Erfahrungen, die ich gemacht habe, z. B. Seelsorge im Krankenhaus, Predigtübungen, Konfliktbearbeitung usw. sind unglaublich prägende, besonders wenn sie in so einem anderen kulturellen Kontext stattfinden. Als sehr positiv habe ich auch die kleine Klassengröße empfunden, sodass man schnell mit den Südafrikanern ins Gespräch kommen konnte. Dadurch lernt man so viel über das Land und über Apartheid, wie man es aus keinem Buch könnte. Man hat dadurch das Gefühl, richtig in das Land “einzutauchen“. Vielleicht die wichtigste Erfahrung, die ich gemacht habe ist, die Fähigkeit, das, was ich theologisch weiß und lerne, mit meinem persönlichen Leben zu verbinden und den eigenen Glauben in konkreten Situationen zu bekennen. Dazu wird man in den vielen Assignments immer wieder aufgefordert. Auch, wenn ich mich erst einmal überfordert gefühlt habe, zu allen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen und Gegebenheiten persönlich-theologisch Stellung zu beziehen, so war es doch eine sehr gute Übung nicht nur für die spätere Arbeit als Pastorin, sondern besonders auch für die eigene Persönlichkeit.